Das Kafenion erinnerte an einen hohen, lagerartigen Raum, den ein kaltes Neonlicht gnadenlos ausleuchtete. Der Generator, der für dieses giftige Licht sorgte, surrte hinter dem Kafenion.
Die Männer und Frauen des Dorfes saßen dicht beieinander gedrängt um die kleine Tanzfläche herum. Heute wurde hier ein Fest der Familien zu Ehren des Schutzpatrons Johannes gefeiert.
Die Kinder liefen hin und her, um dann in vorgerückter Stunde, unterstützt von einem Glas Bier, auf dem Schoß der Eltern einzuschlafen.
Die Zweimannkapelle mit der Bouzouki, eine Mandolinenart, sowie einem weiteren Streichinstrument, saß schweißüberströmt auf dem wackeligen Podest zusammengestellter Limonadenkästen.
Costa organisierte für uns Stühle und Bier. Und Niko zog Maren auf die Tanzfläche.
Ein junger Mann, der tagsüber als Bauarbeiter auf dem Bulldozer saß, sprang unter dem Beifall seiner Freunde auf, lief zum Mikrophon und deutete mit einer Handbewegung den Musikern an, dass sie ihr Spiel unterbrechen sollten. Der Lautsprecher verzerrte seine Worte, die aber trotzdem den Saal zum Lachen brachten. Jetzt sprang der junge Mann auf die Tanzfläche und rief der Kapelle laut zu:
„Ela! Ela!“
Die beiden Musiker griffen tief in die Saiten. Der Vortänzer schleuderte den Kopf in den Nacken, stieß urtümliche Laute hervor, machte einen fast mannshohen Sprung, klatschte in die Hände und stemmte die Arme in die Hüften. Federnd stieß er die Beine abwechselnd von sich und schrie: „Ela! Ela!“
Auch ich stand auf, legte das schlafende Baby einer alten Frau in den Arm, quetschte mich durch die Stuhlreihen, warf wie die Einheimischen hundert Drachmen auf das Musikpodest und stand schon auf der Tanzfläche.
Die Tanzwilligen bildeten, soweit es die Platzverhältnisse zuließen, um den Vortänzer einen großen Kreis. Langsam, zwei Schritte rechts, einen nach links - der Fuß berührte dabei nur so eben den Tanzboden - bewegten sie sich um ihn, den Mittelpunkt, herum.
Plötzlich nahm das Tempo der Musik derart zu, dass einige Tänzer, so auch ich, kapitulierten. Die Bouzouki spielte um ihr Leben bis die Saiten glühten, während sich der Vortänzer im Schweiß auflöste. Die Musiker aber stampften immer heftiger mit den Füßen bis ihr Atem keuchte, als ob sie nur noch die Töne spuckten.
Plötzlich war dieser Tanz hier keine Auflockerung mehr im Rahmen einer Familienfeier, sondern ein höchst persönliches Anliegen des männlichen Geschlechtes, das sich nur noch auf sich selbst konzentrierte.
Und schon fingen die Knie wie Sprungfedern den wippenden Körper auf, um ihn dann im gleichen Augenblick zurück zu schleudern. Die Arme aber waren wie Adlerschwingen ausgebreitet, als ließe sich so die Schwerkraft überwinden, während die Füße wie Kreisel wirbelten bis sich der Blick in tranceartigen Bewegungen verlor, von der Umgebung entrückte wie die Liebe und der Tod.
Als spät in der Nacht das Fest seinem Ende zuging, strich noch immer ein warmer Windzug über die Dorfstraße. Der große Bär zog gemächlich den Himmelswagen, während sich die Milchstraße von Horizont zu Horizont spannte. Aber in meinem Ohr lebte der weinerliche Klang der Bouzouki.
Einige Tage später saß ich beim Abendbrot. Das schummerige Licht der Dochtlampe warf flackernd seine Schatten, die sich im Dunkeln des Raumes verloren.
Plötzlich bewegte sich der mürbe Vorhang, der als Fliegenschutz die Eingangstür schützte. Schwarze Hände krabbelten wie entschlossene Spinnen in dem alten Vorhang herum, bis endlich ein blütenweißes Hemd strahlend im Raum stand.
„Guten Abend“, sagte ich erschreckt und wunderte mich gleichzeitig darüber, dass ich bei meiner Muttersprache Schutz suchte. Das blütenweiße Hemd stand wie körperlos im Dämmerlicht der Petroleumlampe herum und schien mit vergnügtem Glucksen den Überraschungseffekt zu genießen.
„Kalispera“, sagte Maren amüsierte und drehte den Lampendocht höher. Das flackernde Licht gab dem Mann ein Gesicht. „Das scheint Niko zu sein. Vielleicht braucht er wieder ein Taxi.“
„Kalispera“, nickte Niko freundlich. Ich bot ihm unseren geflochtenen Strohstuhl an. Niko lächelte unschlüssig, während er unbestimmt nach draußen zeigte:
„Auto…Costa…“
„Wer ist Costa?“ fragte ich überrascht.
Kurz, Costa war Nikos Freund. Und in Miamou wurde mit Musik und Tanz ein Fest zu Ehren des „heiligen Johannes“ gefeiert. Und er, Niko, kam, um uns einzuladen.
„Und was machen wir mit Jane?“ sagte ich Maren.
Niko grinste und nahm Jane sofort auf den Arm:
„Musik gut… “ lachte er, als sei ihm seine Überraschung gelungen.
„Ich bin aber nicht „Alexis Sorbas“, wiegelte ich ab. Nikos Augen aber leuchten nur und ich wusste, dass er „Alexis Sorbas“ nicht kannte.
„Entschuldigungen im voraus gelten nicht“, sagte Maren und packte für Jane trockene Windel ein.
Costa fuhr auf dem Serpentinenweg nach Miamou sehr vorsichtig, da ein Scheinwerfer seiner klapprigen Kiste ausgefallen war. Wir waren froh, als wir in Miamou seiner Blechbüchse entsteigen durften.
„Auto kaputt“, sagte Costa gelassen und kämmte seinen verwegenen Schnurrbart.
Nun standen wir mit Niko und Costa vor dem Kafenion auf dem Dorfplatz, während unsere Begleiter mit großem „Hallo!“ dem einen oder anderen auf die Schulter klopften. Vor dem Kafenion, in dem zu Ehren des „heiligen Johannes“ gefeiert wurde, standen zahlreiche Dorfbewohner in Grüppchen herum. Sie palaverten und nuckelten an ihrer Bierflasche, während sie sich in der abgekühlten Nacht kurz von der stickigen Luft im Kafenion erholten. Einige junge Männer waren sehr Mode bewusst gekleidet. Aber die Erwartung, die aus ihren Augen sprach, wurde allmählich im Bier ertränkt.
Aus dem hell erleuchteten Kafenion schallte laut die Musik, die ihre orientalischen Wurzeln nicht verbergen konnte. An derartige Musik muss man sich vielleicht erst noch gewöhnen. Denn beim ersten, flüchtigen Hinhören klingt sie monoton oder vielleicht sogar       weinerlich. Denn diese Musik, deren Melancholie von den griechischen Flüchtlingen aus Kleinasien mitgebracht wurde, wird auch von Achtel- sowie Vierteltonschritten beherrscht, die vermutlich besonders traurig klingen.
„Ela!“ rief Niko und strahlte, „ Musik…tanzen…!“
Im Eingang zum Kafenion lauerte eine warme, wabernde Wolke aus Bier und Schweiß, während einem die immer lauter werdende Musik gegen den Kopf schlug.
Als ich drei Tage später frühmorgens zu meinem Wagen ging, um nach Mires zu fahren, einkaufen, traute ich meinen Augen nicht. Der knorrig gebückte Feigenbaum, eine Art Freiluftgarage, spendete seinen Schattenring nicht nur unserem 2CV, sondern beschattete außerdem noch eine dreiköpfige Familie, die auf gepäckartigen Bündeln saß. Kaum sahen sie uns kommen, standen sie verlegen lächelnd auf und nickten uns freundlich zu.
„Kalimera!“
Ich konnte kaum ihren Morgengruß erwidern, da sagte der Mann schon:
 „Mires?!“
Dieser durchaus freundliche Tonfall ließ keine fadenscheinigen Ausreden zu. Obwohl, mir war schleierhaft, woher dieser Mann wusste, wann und wohin wir fahren wollten. Der kleine Mann aber lachte nur ungezwungen wie ein Kind und zeigte dabei sein imposantes, lückenhaftes Gebiss:
„Adelphos Matthäus, katalava?!“
Nun war mir alles klar. „Katalava“. Pan, der einige Tage zuvor unseren Weg gekreuzt hatte, war sein Bruder. Offenbar hatte ihm Maren erzählt, dass wir jeden Samstagmorgen zum Markt nach Mires fuhren. Pan hatte uns einfach weiterempfohlen. Von Dorf zu Dorf. Warum sollten wir also allein, sozusagen als Leergut, nach Mires fahren, obwohl sein Bruder dasselbe Ziel hatte?- wird er sich gedacht haben.
„Mires?!“, sagte der Mann jetzt noch freundlicher.
 „Ne“, nickte ich, wenn auch das griechische „Ja“ wie ein deutsches „Nein“ klingt.
„Mama, Mires“, lächelte die Frau, Pan`s Schwägerin, und quetschte sich mit ihrem kleinen, hohlwangigen Töchterchen auf den Rücksitz des 2CV.
„Auto mikro“, sagte ich halb entschuldigend.
„Nix Problem, nix problem“, sagte Niko, unser neue Begleiter. „Nero, Potatas, Tomatas, Krowachi.“ Nicht ohne Stolz zeigte er auf die undefinierbaren Bündel, die seiner Familie soeben noch als Sitzgelegenheit gedient hatten. Zwei abgezogene Kaninchen, eingewickelt in Zeitungspapier, hingen an einem Ast des Feigenbaumes.
 „Auto?“, fragte ich und wies auf das ungewöhnliche Gepäck.
„Ne“, Pans Bruder nickte.
Gemeinsam packten wir also einen Kartoffelsack, eine Korb mit Zwiebeln, einen kleinen Koffer, einen Pappkarton, eine Doppelmatratze und einen Blechkanister mit Olivenöl auf den Dachgepäckträger. Die 2 CV- Ente sackte in sich zusammen und stöhnte kläglich unter dem Standgas.
„Wir haben noch sechs Wochen Garantie“, lachte Maren und fotografierte das eingeschüchterte Auto.
Der kleine, sehnige Mann, Pans Bruder, wischte sich mit einem großen Taschentuch über die Stirn, den Nacken und setzte sich neben seine Frau, die die stumme Tochter auf dem Schoß hielt.
„Endaxi. Gut“, sagte Niko und lächelte zufrieden.
Unterwegs erfuhren wir, dass Nikos Freund aus Mires Geburtstag hatte. Aber das Haus eines Fremden oder eines Freundes, betritt ein Kreter niemals mit leeren Händen. Das verbietet sein Ehrgefühl. Die Ente bekam es zu spüren.
Gießen | „Ich mag keine Autoritäten.“ Das sagt einer, der sich schon als Kind nicht gängeln lassen wollte. Musste er auch nicht, denn Mathias Knoll verbrachte eine ungewöhnliche und freie Kindheit in Teheran. Sein Vater war 1950 mit der Familie nach Asien gegangen. Das bedeutete für das Kind, dass es nicht in einem deutschen Kindergarten landete, sondern eher mit dem Diener Abbas mal eine Opiumhöhle unsicher machte. Doch dieses freie Leben hörte auf, als der inzwischen 8-Jährige zurück nach Deutschland kam. Oma Emma hatte darauf gedrängt, dass Familie Knoll in die Heimat zurückkehrt. Vater Viktor war davon zwar nicht sehr begeistert, aber gegen die Macht von Gattin und Mutter, die sich verbündet hatten, kam er nicht an. Also ging‘s nach Gütersloh. Für den Jungen war das ein Kulturschock; erstmal kaum zu verdauen. Aber irgendwie hat er sich dann doch mit der neuen Situation arrangiert.
Einige Jahre später verliebt er sich in „die falsche Frau“, zumindest aus Sicht des Vaters. Die Konsequenz: Er wurde in ein Internat im Schwarzwald verfrachtet. Überraschender Weise hat er sich aber gar nicht abgeschoben, sondern eher gut aufgehoben gefühlt. „Ich habe plötzlich Dinge gesehen, die ich vorher gar nicht wahrgenommen habe“. Auch seine Begeisterung für Walter Jens, diesen brillanten Denker, beginnt in dieser Zeit. Dieser war dort ehemals Lehrer, sein „Geist wehte noch durch de Schule“ und hat den Schüler Knoll nachhaltig beeindruckt. Also kein Blick zurück im Zorn, ganz im Gegenteil.
Bei seiner späteren Berufswahl habe ein Gedanke im Vordergrund gestanden, den man sich eigentlich bei allen Vertretern seiner Zunft wünscht: „Ich wollte Menschen helfen!“. Also studierte er in Bonn Medizin und seit 1983 ist er niedergelassener Arzt. Nun sitzt er im Sauerland, behandelt am Tage seine Patienten in Neheim und genießt am Abend und am Wochenende in Arnsberg seine Dachterrasse, wo ihm „keiner in die Gurken schauen kann.“
Als Privatmensch beschreibt er sich als eher spröde und distanziert, der Arzt Dr. Mathias Knoll sei aber ein ganz anderer. Der sei überhaupt nicht sperrig und habe Verständnis für seine Patienten; auch und gerade in schwierigen Fällen. Das „böse Wort Depression“ treibt ihn um. Das sei eines dieser Tabuthemen, genau wie Suizid. Diese Themen gehören in seine Praxis ebenso wie in sein Privatleben. Und er plädiert dafür, gerade diese Dinge zu thematisieren, statt sie „tot zu schweigen“, was dann tatsächlich tödlich enden kann. Er weiß, wovon er spricht. Seine um 5 Jahre ältere Schwester hat sich mit 39 Jahren das Leben genommen. Sicher auch, weil vorher viele Probleme nicht besprochen wurden und dann war irgendwann der Druck so stark, dass sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen habe. Er geht mit dem Tod der Schwester offen um, erzählt von den Problemen. Für sich kann er sich aber ein solches Verhalten nicht vorstellen. „Ich hätte mich nie verloren, ich wusste immer, was ich tat!“ Doch obwohl er selbst nie zu den Gefährdeten gehört habe, vertritt er eine ganz klare Position: „Ich mag zerrissene Menschen“. Das gilt nicht nur im richtigen Leben, sondern auch im literarischen Bereich. Die Literatur ist eine, wenn nicht DIE, große Leidenschaft des Arztes. Zu seinen Lieblingsautoren gehören Thomas Mann und Paul Auster. Aber auch Büchner – „Der hat gewagt, mal das Maul aufzumachen!“ – und seine Figuren Woyzeck oder Lenz sprechen ihn an; schließlich sind auch das Getriebene, Zerrissene und die mag er ja. Er vergleicht die menschliche Gattung grinsend mit einem Zoo, in dem sich die ganze Vielfalt der Menschheit wiederfinde. Doch zurück zur Literatur: Er ist nicht nur Leser, sondern auch Kreativer. Er hat schon viele, viele wunderbare Kurzgeschichten geschrieben, die man auch auf den Seiten der GZ finden kann und freut sich über Kommentare der Bürgerreporter. Auch auf seiner eigenen Internet-Seite (www.medeasy.de), doch auch für Dr. Knoll gilt: „I have a dream!“ In seinem Falle ist das: ein eigenes Buch. Er würde gerne all seine Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln gut aufgehoben wissen. Dieser Wunsch hat sich bislang noch nicht erfüllt, aber was nicht ist, na, Sie wissen schon.
Zu den geplatzten Träumen gehört seine Finca in Spanien. Wenn er an diese Geschichte denkt, lacht er herzhaft. Denn diese Finca hat es schon gegeben, doch dann wurde die Wasserversorgung zum Problem, der fehlende Strom brachte weitere Schwierigkeiten. Als es dann absurdistanische Ausmaße annahm, hat er den Bau schließlich verkauft – natürlich mit Verlust, wie er noch nachschickt. Scheint ihm nichts auszumachen. Pekuniäre Probleme sind ihm wohl wirklich fremd. „Ich war noch nie käuflich“ stellt er fest, denn schon gegenüber dem Studenten hatte die väterliche „Auto-Entzugsdrohung“ nicht gezogen. „War mir egal!“ Er studierte wie er wollte und brach auch die Beziehung zu einer wesentlich älteren Frau nicht ab.
Seine erste Ehe ging in die Brüche, aus dieser Beziehung stammt die inzwischen 33-jährige Tochter Katja, die Knoll begeistert als „toughes Weib“ bezeichnet. Und das meint er positiv. Heute lebt er mit seiner zweiten Frau zusammen, die er in seiner Praxis kennengelernt hatte. Doch beim ersten Aufeinandertreffen waren beide noch verheiratet – nur eben nicht miteinander. Es dauerte 9 Jahre, bis aus den beiden ein Paar wurde. Sie sei keine „Hurra-Tante“ und dieser Typ Frau passe ganz genau zu ihm und seiner jetzigen Lebenssituation. Er beschreibt sich als eigenwillig, aber „ wenn ich jemanden liebe, bin ich kein schwieriger Partner.“
Für die Bundeswehr war er sicher schwierig und damals hat alles daran gesetzt, nach nur einer Woche Dienstzeit diese unseelige Verbindung wieder aufzulösen. Aber die Armee hat er ja auch nicht geliebt; diese beiden passten einfach nicht zusammen. Und da wären wir wieder bei Anfang: „Ich mag keine Autoritäten!“
Die beste Möglichkeit, mit der kretischen Bevölkerung in Verbindung zu treten, ist nicht zu erschrecken oder gar empört zu sein, wenn einem plötzlich „Pan“ den Weg verstellt. Er winkt mit dem knorrigen Wanderstab und verlangt mitgenommen zu werden. Denn die Busverbindung zwischen den  in  den Bergen  klebenden Nestern sowie der Ebene, zwischen den einzelnen Dörfern, ist schlecht und äußerst unregelmäßig. Das Weideland für Schafe und Ziegen aber ist weit verstreut und Kilometer weit von dem eigenen Dorf entfernt. Und nicht jeder Landarbeiter besitzt einen Esel.
Was blieb also dem alten Ziegenhirten anderes übrig, als das vom motorisierten Reisenden zu erwarten, was er selbst zu geben bereit ist: Gastfreundschaft.
Kaum hatte sich der unheimlich aussehende Mitfahrer, „Pan“, in den Autositz fallen lassen, packte er aus der gewobenen Hirtentasche sein Reiseproviant aus und nickte auffordernd: „Feta…?!“
Nun bestand kein Zweifel mehr, woher dieser penetrante Geruch herrührte, der sich plötzlich im Wagen breit gemacht hatte. Es war der Ziegenkäse, dem die Sonne den letzten Geruch entzog.
Vor jeder gefährlichen Kurve bekreuzigte sich mein kauender Begleiter und deutete viel sagend auf den unbefestigten Randstreifen, um dann in aller Ruhe mit dem Taschenmesser seine urtümlichen Nägel zu säubern. „Pan“`s unbefangene Art konnte irritieren, weil ich gerade noch gedacht hatte:
Diese alte S …
Aber gleichzeitig wurde mir auch klar wie kleinlich die Regeln sind, unter deren Abhängigkeit wir uns täglich begeben.
„Pan“ lächelte mich nur freundlich an und hielt mir seinen „Feta“ hin.
Ich aber stellte mir vor wie seine klauenartigen Hände dem Orpheus, der deswegen extra nach Kreta gereist war, das Spiel auf der Lyra beibrachte. Immerhin eine Kunst, die selbst den Tod mitleidig erweichte.
Irgendwo zwischen silbergrünen Oliven- und Johannisbrotbäumen, die ihre tiefgefurchten Rinden an verwittertem Bruchsteingemäuer rieben, nickte „Pan“ und lächelte sein offenes Lächeln:
„Domatio…“
Ich bremste überrascht und hüllte die unter den Bäumen grasende Ziege mit einer Staubwolke ein. Obwohl keine menschliche Behausung zu sehen war, schien „Pan“ zu Hause zu sein.
Mein Begleiter sprang also aus dem Wagen, legte die rechte Hand auf die Brust und verneigte sich:
 „Efaristo polli!“
Der Bewegungsablauf seiner Dankesgeste war von derartiger geschmeidiger, man möchte fast sagen höfischer Eleganz, die man diesem bockbeinigen Hirten kaum zugetraut hätte. „Pan“ nickte nochmals freundlich, schulterte seinen Proviantbeutel und entschwand leichtfüßig zwischen den Bäumen.